oder fühlt sich kränklich. Aber dann gehe ich raus und komme mit den Menschen in Kontakt, mit denen ich arbeite. Das sind in meinem Fall regionale Produzenten, Gastronomen, Bauern, aber auch Wanderführer, Bergführer oder Kunsthistoriker. Ich tanke dann sehr viel Energie durch diese Menschen, weil die eine irrsinnige Freude haben, einmal vor den Vorhang geholt zu werden, was in deren Leben ja nicht so oft passiert. Das ist etwas Außergewöhnliches, und dann möchte man diesen Menschen ihren Moment nicht nehmen, nur weil man in der Früh nicht so gut drauf war oder denkt: Ich erlebe das jetzt zum 700. Mal. Das ist ganz wichtig, diesen Menschen Glück zu schenken. Sie haben einmal gesagt: »Ich operiere weder am offenen Herzen, noch habe ich irgendetwas erfunden, noch bin ich Atomphysikerin. Ich mache nichts Weltbewegendes.« Es gelingt Ihnen im Beruf aber, Menschen zu bewegen. Glauben Sie nicht, dass Sie damit doch auch ein Stück Welt bewegen? Silvia Schneider: Ich finde es total charmant, wenn Sie das so sehen. Und es freut mich auch, weil es schon sehr nahe an meiner Lebensphilosophie ist. Man kann sich als Mensch einer ganz großen Sache widmen und für die kämpfen. Das ist sehr bewundernswert. Ich finde es aber auch bewundernswert, wenn man versucht, im Kleinen, im täglichen Tun und im Umgang mit den Menschen Schönes zu schenken oder Liebe zu geben. Da bringt man dann auch ganz viel weiter. Sie können mit beruflichem Stress hervorragend umgehen, mit einem anderen eventuell nicht so gut, denn Sie haben einmal gemeint: »Mich stresst es, dass ich so viele Sachen gern machen würde. Ich habe Angst, dass mir die Zeit ausgeht.« Wieso springen Sie auf so vieles so intensiv an? Silvia Schneider: Zum Teil kommt das aus meiner Erziehung. Da hat es immer geheißen: Du darfst nicht als erstes Nein sagen, wenn dir etwas angeboten wird, sondern du musst es immer erst probieren, um zu wissen, ob du das wirklich nicht willst. So sehe ich das in allem. Ich möchte jeden Tag etwas Neues lernen und ein bisserl g’scheiter und besser werden. Da habe ich einfach eine große Lust daran. Ich mag von Astrid Lindgren diesen Pippi-Langstrumpf-Satz sehr gern: »Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe.« Das finde ich so schön, weil es einfach so wahr ist. Du kannst alles, was du zum ersten Mal machst, weil du noch nicht die Erfahrung gemacht hast, dass du es nicht kannst. Und das ist toll. Okay, dann bleiben wir gleich bei Pippi. Die hüpft durch die Welt »wiedewiedewie es ihr gefällt«, spontan und auf alle Regeln pfeifend. Sie hingegen wirken, egal ob beruflich oder privat, stets wahnsinnig aufgeräumt und durchorganisiert, manchmal fast keimfrei. Eigentlich das Gegenteil von Pippi. Sind Sie tatsächlich so? Silvia Schneider: Ich bin grundsätzlich sehr aufgeräumt, organisiert und strukturiert und habe einen Plan. Ich bin aber auch ein Mensch, der sehr tief fühlt und sehr aus der Bahn geworfen werden kann, der sehr an sich selbst zweifelt, immer wieder. Das ist gerade bei Moderations- und Bühnen- menschen so. Du schüttest irrsinnig viele Endorphine aus, wenn du auf deiner jeweiligen »Bühne« stehst, und der nächste Tag ist dann wie ein Entzug. Du kommst aus diesem Überschwang an Glückshormonen in ein absolutes Tief rein, aus dem du dich wieder rauskämpfen musst, weil du an dir zweifelst. Ich habe das genauso, und ich heule, alles ist so schlecht und ich habe das Gefühl, nichts zu können. Aber ich komme da immer wieder raus, weil ich grundsätzlich ein sehr resilienter Charakter bin. Das hat den Nachteil, dass man sehr oft den Satz hört: Du hältst das aus, du bist eh eine starke Frau. Aber warum muss eine starke Frau mehr aushalten als eine nicht so resiliente? Eine wiederkehrende Frage bei diesem »Tischgespräch« ist jene, welche vier Persönlichkeiten, egal ob lebend oder historisch, Sie gern bei einem Dinner in Ihrem Haus um sich versammeln würden. Ich nehme jetzt einmal an, da würden auch ein paar starke Frauen sitzen. Silvia Schneider: Na und ob. Martha Stewart, Gwyneth Paltrow, Dita von Teese, bei der ich selbst schon einmal zum Essen war, und mein Lieblingsmaler Alphonse Mucha. Darf ich bitte mehr Gäste haben als vier? Denn dann würde ich noch einladen die Sarah Bernhardt, die sehr eng mit Mucha zusammengearbeitet hat, Coco Chanel, Kaiserin Elisabeth von Österreich und Robert Redford. Ich glaube, das wäre eine gute Truppe. Zweifellos. Und da sind ja auch einige vergleichbar umtriebige Menschen darunter. Sie haben schon angesprochen, dass Sie immer wieder etwas Neues brauchen. Fällt Ihnen da überhaupt noch etwas ein, so viel wie Sie jetzt schon tun? Silvia Schneider: Oh ja, ganz viel. So richtig cool Kitesurfen würde ich gerne einmal ausprobieren, oder Paragleiten richtig gut lernen. Ich würde auch einmal gern Kellnerin in Griechenland sein, aber das schaffe ich wohl nicht mit meinem Arbeitspensum. Ich stelle es mir halt so irrsinnig romantisch vor, auf einer ganz kleinen Insel wie Paxos zu sitzen und dort nichts zu tun zu haben, außer den herankommenden Fischern und Seemännern ihren kleinen Kaffee zu servieren. Aber ich glaube, mir wäre dann sehr schnell fad und ich würde die Taverne ausbauen zu einem großen Restaurant und dort Riesenfeste organisieren. Einen Wiener Ball auf Paxos zum Beispiel. Sie feiern im Mai Ihren 44. Geburtstag und haben damit noch einen langen Weg dorthin. Aber verraten Sie es bitte trotzdem: Was für eine ältere Dame werden Sie in ferner Zukunft sein? Silvia Schneider: Eine, die absolut ausgefallene Kleidung trägt, wirklich total zum Himmel schreiend auffallend. Ich werde sehr große Hüte tragen und sehr große Sonnenbrillen, und ich werde mir absolut kein Blatt mehr vor den Mund nehmen. Außerdem werde ich mindestens drei Hunde haben und all meinen Schmuck täglich ausführen. 23 Cirque Gourmet 2026
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