90 | WACHAU MAGAZIN 2026 Als Erzählerin von Märchen und Sagen benötigen Sie viel »Rohstoff«, um Ihr Repertoire immer wieder ergänzen und ausbauen zu können. Aus welchen Quellen schöpfen Sie da? Dena Seidl: Zunächst einmal von den berühmten Gebrüdern Grimm. Aber nicht nur. Ich greife auch gerne auf moderne Märchen zurück, ganz wunderbare etwa von der Innsbruckerin Frau Wolle«, die ein unglaubliches Wissen hat. Und wenn es um die Wachau geht, gibt es umfangreiche Sammlungen von Heimatforschern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie Frau Saga« oder die Sagen der Wachau«. Ich schau halt immer, wer welche Fassung veröffentlicht hat. Wie bereiten Sie sich auf die Abende, die Events, auf Ihr Publikum vor? Dena Seidl: So wie ein Musiker das Musikstück probe ich die Märchen. Ich gehe in den Dunkelsteinerwald, der ja ganz verwunschen gleich hinter meinem Haus beginnt, und stelle mir vor, wer auf welche Art spricht, welche Gestalt er oder sie hat. Und ein bisserl erfinde ich dann auch dazu, kleine, feine Elemente, wie das Kräuterelixier 1001 Kraut«, von dem ich erzähle, wie es entstand und gemischt wurde. Ihr Publikum besteht ja nicht nur aus Kindern und Jugendlichen, sondern auch aus Erwachsenen. Was unterscheidet die beiden Zuhörergruppen, und wie macht man Märchen erwachsenentauglich? Dena Seidl: Bei Kindern braucht man genaue Vorstellungen davon, was man vermitteln möchte, ein Bild. Das Erzählen von Märchen und Sagen ist ein Prozess, während des Aufbaus soll man sich alles bildlich vorstellen können. Die Bilder können durchaus kräftig sein, Kinder vertragen mehr als man glaubt. Ich erzähle etwa die Geschichte, wie die Prinzessin die goldene Kugel verliert. Dann tauche ich in die Figuren ein, zudem gibt es ja keine Bühne, das muss man vermitteln. Und dann ist da der unmittelbare Kontakt zum Publikum, man erzählt direkt in die Gesichter hinein, schenkt über den Blickkontakt den Menschen Atmosphäre. Aus Kinder- und Hausmärchen« wurde natürlich jegliche Sinnlichkeit und Erotik rausgeworfen. Es macht daher sehr viel Spaß, den Erwachsenen sozusagen die Originalversion zu erzählen. Sie haben nun eine ganze Sammlung an Wachauer Sagen in Form von Podcasts aufbereitet, wie und wo sind diese zu hören? Dena Seidl: Die magische Sagenreise« macht Lust auf Ausflüge zu besonderen Orten, mystischen Felsen oder alten Kirchen, Burgen und Aussichtspunkten. Seit Jänner 2025 arbeite ich an diesem Herzensprojekt, das 18 Sagen mit ihren Orten verbindet. Ich konnte mir schon immer gut vorstellen, wie es früher war, in der alten Welt sozusagen. Und da Sagen immer weitererzählt wurden, wollte ich das auch nicht schriftlich machen. Jetzt gibt es ein Booklet mit Landkarte, QR-Code und einem Bild des Platzes. Einfach scannen und zuhören! « « « « « « Unzählige geheimnisvolle Geschichten ranken sich um alte Ansitze und Wehrkirchen, um dunkle Wälder und sonderbare Steinformationen. Dena Seidl hat sie alle gesammelt und lädt ein, auf ihren Spuren die Wachau ein wenig anders zu erleben. s sind nicht nur blaue Augen oder Sommersprossen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. »Das Fabulieren liegt in unserer Familie«, sagt Dena Seidl, lächelt breit und nimmt genüsslich einen Schluck Kaffee. Schon die Großmütter hätten »den Mund nicht zugekriegt«, so wie etwa auch der Onkel, der Marionettenspieler. Und auch sie selbst, später, als Kindergärtnerin, habe immer mit Kindern gespielt und dabei erzählt. Kleine Geschichten, spannende Sagen, geheimnisvolle Legenden und eben Märchen. Das tut sie bis heute, für ganz junges wie auch älteres Publikum bis hin zu Erwachsenen. »Ich spreche nicht nur Kinder an.« Kinder aber sollten zumindest vier Jahre sein, sagt die Märchenerzählerin, »dann können sie teils wortgetreuer erzählen als ich«. Sie lacht. Wer Dena Seidl sucht, findet sie regelmäßig auf der Burgruine Aggstein, hoch über der Donau. Dann führt sie ihre Gäste durch den schaurig-schönen Sitz des Raubritters Scheck vom Wald, zeigt dessen grausames Gefängnis mit dem lieblichen Namen »Rosengärtlein«, aber auch die romantische Kapelle und den spannenden Escape-Room. Sie veranstaltet Märchensonntage und Märchenführungen, öffnet für Erwachsene an ausgewählten Sommerabenden ihre Märchentruhe voller romantischer, mittelalterlicher Liebesmärchen. »Die Langsamkeit der Erzählkunst schafft innere Räume.« Für einen Blick in märchenhafte Welten kann man Dena Seidl auch buchen, wie ein »mobiles Festival«. Zum Hören und Staunen. AUSFLÜGE MIT DER MÄRCHENERZÄHLERIN Einfach sagenhaft! Text: Barbara Hutter · Foto: Johannes Kernmayer E
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