36 | WACHAU MAGAZIN 2026 Die Geschichte, die das auf einmalig überzeugende Art bestätigt, wurde von so vielen Seiten berichtet und herumgeboten, dass sich die Frage nach ihrer historischen Wahrhaftigkeit erübrigt. Sie weist die unverkennbaren Merkmale einer weitaus höher einzuschätzenden inneren Wahrhaftigkeit auf, und es gab eine Zeit, da sie in Wien so populär war, dass ihre Schlusswendung den Rang eines Zitats erreichte. Heutzutage würde man sicherheitshalber wohl erst erklären müssen, dass »Kaiserschmarrn« eine beliebte Wiener Mehlspeise ist (bestehend aus kleingerissenem, mit Zibeben [getrocknete Weinbeeren] angerichtetem Palatschinkenteig), und dass die »Zwetschgenröster« – im eigenen Saft gedünstete Pflaumen – als des Kaiserschmarrns klassische, aber keineswegs einzig zulässige Beilage gelten. Die Geschichte beginnt damit, dass eines heißen Sommertages ein Gast des Restaurants Neugröschl zum Abschluss seines Menus einen Kaiserschmarrn bestellt. »Was dazu?« fragt der Kellner, unter der Einwirkung der Hitze – die überhaupt eine gewisse Knappheit des Dialogs zur Folge hat – noch mürrischer als sonst. »Ein Kompott.« »Was für ein Kompott?« »Egal.« Nach einer angemessenen Frist serviert der Kellner den Kaiserschmarrn mit einer Portion Zwetschgenröster als Beilage; er will sich entfernen, wird jedoch vom Gast zurückgehalten: »Herr Ober, ich habe als Beilage ein Kompott bestellt.« Der Kellner, mit entsprechender Handbewegung: »Da steht's ja.« » Was steht da?« »Ihr Kompott.« »Das sind Zwetschgenröster.« »Eben.« »Was heißt eben? Wenn ich ein Kompott bestelle, will ich keine Zwetschgenröster.« »Warum nicht?« »Weil Zwetschgenröster kein Kompott sind!« »Zwetschgenröster sind kein Kompott?« fragt mit provokanter Überlegenheit der Kellner. »Nein!« brüllt der Gast. »Zwetschgenröster sind ein Kompott.« Jetzt hebt auch der Kellner die Stimme. »Zwetschgenröster sind kein Kompott! Rufen Sie mir den Chef!« Das erweist sich als überflüssig. Herr Neugröschl, angelockt durch die immer lauter gewordene Auseinandersetzung, die bereits vom ganzen, dicht gefüllten Lokal mit größter Aufmerksamkeit verfolgt wird, ist an den Tisch getreten und fragt nach der Ursache des Lärms. Selbstverständlich fragt er den Kellner und nicht den Gast, dem er mit einer scharfen Handbewegung Schweigen gebietet. »Der Herr hat Kaiserschmarrn mit Kompott bestellt«, berichtet der Kellner, »und ich hab ihm Zwetschgenröster gebracht.« »No also.« Mit gerunzelten Brauen mustert Herr Neugröschl den widerspenstigen Gast. »Was will er dann noch?« »Er sagt, Zwetschgenröster sind kein Kompott.« »Was sagt er?« Herr Neugröschl tritt dicht an den Beschuldigten heran. »Das haben Sie wirklich gesagt?« »Natürlich«, antwortete der Gast. »Sagen Sie's noch einmal.« »Zwetschgenröster sind kein Kompott.« Dass er von Herrn Neugröschl niemals recht bekommen wird, muss ihm längst klar gewesen sein. Aber was ihm jetzt passiert, hat er ganz gewiss nicht vorausgesehen: Herr Neugröschl, der Hitze wegen in Hemdsärmeln, krempelt dieselben hoch, packt ihn mit der einen Hand am Genick, mit der andern um die Taille und befördert ihn mit dem Ruf: »Zahlen brauchen Sie nicht, Sie sind mein Gast!« zur Türe hin aus. Dann – und das ist der eigentliche Kern der Geschichte – pflanzt sich Herr Neugröschl mitten im Lokal auf, seine Blicke schweifen in die jäh verstummte Runde der Gäste, die sich ängstlich über ihre Teller ducken, und seine Stimme klingt unheilkündend, als er Anlauf nimmt: »Es sind noch ein paar da, die sagen, Zwetschgenröster sind kein Kompott!«, und schüttelt drohend die erhobene Faust: »Aber ich kenn’ sie alle!!« FRIEDRICH TORBERG: »Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten.« 1975. Eine wunderbare Zeitreise in die liebenswerte, längst entschwundene Welt des Habsburgerreiches und der Bohème in Budapest, Prag und Wien. In zauberhaften, kleinen Geschichten wird das Lebensgefühl der großen und kleinen Leute dieser Epoche erzählt. Langenmüller Verlag. www.langenmueller.de ... Röster oder Kompott, das ist auch die entscheidende Frage in dieser Kurzgeschichte aus Friedrich Torbergs Anekdotensammlung »DieTante Jolesch«.
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