12 | WACHAU MAGAZIN 2026 Als Vertreter des aufgeklärten Absolutismus schränkte Kaiser Josef II. gegen Ende des 18. Jhs. den Einfluss der Kirche drastisch ein. Viele ihrer Besitzungen wurde verstaatlicht, zahlreiche Klöster aufgelöst. Dieser ersten Säkularisierung folgte 1803 auf Druck Napoleons der Reichsdeputationshauptschluss in Bayern, der weitere gravierende territoriale Umstrukturierungen bewirkte. Endgültig aufgelöst wurde die kirchliche Grundherrschaft in der Wachau 1848 durch die Grundentlastung in Österreich. Sie hatte das Ziel, die feudalen Strukturen in den deutschen Ländern aufzulösen, um die Bauern von Leibeigenschaft und Abhängigkeit gegenüber den Grundherren zu befreien. Jene auf klösterlichem Land wurden dadurch genauso frei wie jene in adeligen oder staatlichen Besitzungen, und da keine Abgaben oder Frondienste mehr eingefordert werden durften, verloren die Klöster eine wichtige Einnahmequelle. Viele Lesehöfe wurden in der Folge von den Gemeinden übernommen: »Teilweise haben sie aber auch die damaligen Hofverwalter erworben«, erklärt Historikerin Gruber. Zwar verfügen manche Klöster – wie Göttweig oder Kremsmünster – nach wie vor über Weingärten, aber der Großteil ist wieder in privaten Händen. Die Wachau hat als Weinregion davon profitiert, dass sich mittlerweile engagierte Winzer im Wettstreit um die besten Tröpfchen in immer neue Qualitätssphären pushen. Das war nicht immer so, denn viele der ehemaligen klösterlichen Verwalter machten einst aus der natürlichen Ressource dieser außergewöhnlichen Hänge und Böden nur – um es einigermaßen freundlich zu formulieren – sehr gewöhnlichen Wein. Oder, um ein altes Zitat zu strapazieren: »So sauer wie ein Wachauer!« Architektonische Schmuckstücke Die Weinqualität von früher hat sich also zum Glück nicht erhalten, aber einige der vormaligen Lesehöfe sehr wohl. Im Ensemble der architektonischen Schmuckstücke der Wachau spielen sie – wenn auch in teilweise gänzlich anderen Funktionen als einst – tragende Rollen. Es folgt ein kleiner Streifzug durch diese geschichtsträchtigen Häuser, in denen auf vielfältige Weise neuer Glanz die alten Mauern beseelt. eine besonders günstige Wendung, wodurch beide Hanglagen weinbaulich nutzbar sind – ein Vorteil, der in anderen Regionen entlang des mächtigen Stroms so nicht gegeben ist. Das begründet, warum auch weiter entfernte Orden in der Wachau ihre Begehrlichkeiten auslebten. In der Frühphase waren es primär altbayrische Klöster, die sich Besitz sicherten – oft durch Schenkungen, Stiftungen oder entsprechende testamentarische Verfügungen adeliger Familien. Mit göttlichem Beistand In Krems und Stein, wo heute noch etliche ehemalige Lesehöfe zu sehen sind, spielten die Klöster sogar als städtische Akteure eine Rolle. Um ihre landwirtschaftlichen Produkte besser vermarkten zu können, erwarben sie zahlreiche Stadthäuser, die nicht selten steuerlich privilegiert waren. Aber die bemerkenswertesten früheren Lesehöfe stehen entlang der Weinterrassen im Kern der Wachau: »Das Interessante an all diesen Höfen ist, dass so ein historischer Touch aus dem 16., 17., 18. Jh. übriggeblieben ist und bei Modernisierungen selten wirklich über dieses kostbare Erbe drübergefahren wurde«, sagt Elisabeth Gruber. So präsentieren sich heute architekturhistorische Kostbarkeiten, denn die einzelnen Klöster legten durchaus Wert darauf, der Welt und vor allem den kirchlichen Mitbewerbern zu zeigen, wie wirtschaftlich erfolgreich sie sind. Schließlich war dies ja auch ein Zeichen der wohlwollend schützenden Hand Gottes. Eines der berühmtesten Beispiele: der Prandtauerhof in Joching, für den sich das St. Pöltner Chorherrenstift mit Jakob Prandtauer den Star-Architekt seiner Zeit angelacht hat. Das Ende feudaler Strukturen Bleibt die Frage, wie es dazu kam, dass die Weingärten in der Wachau der kirchlichen Dominanz wieder entkamen und, wenn man so will, »verweltlicht« wurden. Freiwillig passierte das nicht, sondern hauptsächlich durch historische Ereignisse. Fotos: Johannes Kernmayer (4), Frank Heuer (1) RECHTE SEITE, 3 & 4: Unter den monumentalen Dächern des Nikolaihofs in Mautern wurde immer wieder Geschichte geschrieben. Schon die alten Römer haben hier ihre Spuren hinterlassen, als die Donau noch die Grenze zu den Barbaren war. Jahrhunderte später ist in der einstigen Hofkapelle (gelbe Fassade) der Bau von Stift Göttweig beschlossen worden. Auch schon 350 Jahre alt ist die riesige Baumpresse. Einmal jährlich geht sie in Betrieb, dabei sein ist gegen Voranmeldung möglich. Wer kann schon eine 1.000-jährige Beziehung feiern? Zu diesem sehr runden Jubiläum wurde der in seiner heutigen Form 1176 erbaute Tegernseerhof in Unterloiben (Bilder rechts 1 & 2) symbolisch zur diplomatischen Vertretung der bayrischen Stadt Tegernsee ernannt. Nach wechselvollen Jahrhunderten wird er von Martin Mittelbach in sechster Generation als Familienweingut geführt. Und dies in so hoher Qualität, dass man 2025 sogar den offiziellen Festivalwein der Salzburger Festspiele stellte.
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